{"id":658,"date":"2019-01-06T23:05:13","date_gmt":"2019-01-06T22:05:13","guid":{"rendered":"http:\/\/chalo-india.de\/chaloindia\/?p=658"},"modified":"2022-08-13T22:40:48","modified_gmt":"2022-08-13T20:40:48","slug":"adil-hussain-interview-hotel-salvation-handelt-vom-leben","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/chalo-india.de\/chaloindia\/2019\/01\/06\/adil-hussain-interview-hotel-salvation-handelt-vom-leben\/","title":{"rendered":"Hotel Salvation handelt vom Leben. Ein Interview mit Schauspieler Adil Hussain"},"content":{"rendered":"<figure id=\"attachment_624\" aria-describedby=\"caption-attachment-624\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-624 size-large\" src=\"http:\/\/chalo-india.de\/chaloindia\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Hotel-Salvation2-1024x660.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"516\" srcset=\"http:\/\/chalo-india.de\/chaloindia\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Hotel-Salvation2-1024x660.jpg 1024w, http:\/\/chalo-india.de\/chaloindia\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Hotel-Salvation2-300x193.jpg 300w, http:\/\/chalo-india.de\/chaloindia\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Hotel-Salvation2-768x495.jpg 768w, http:\/\/chalo-india.de\/chaloindia\/wp-content\/uploads\/2018\/12\/Hotel-Salvation2.jpg 1956w\" sizes=\"(max-width: 800px) 100vw, 800px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-624\" class=\"wp-caption-text\">Der Er\u00f6ffnungsfilm der indischen Filmtage ist Hotel Salvation<\/figcaption><\/figure>\n<p>Adil Hussain spielte im diesj\u00e4hrigen norwegischen Oscar-Beitrag \u201eWas werden die Leute sagen\u201c von Iram Haq einen Mann, der seine eigene Tochter in ihr Heimatland Pakistan entf\u00fchrt, weil sie anscheinend zu viele Freiheiten genossen hat. Auch in&nbsp;\u201eSchiffbruch mit Tiger (Life of Pi)\u201c war der indische Theater-Schauspieler und ehemalige Komiker als Vater der Hauptfigur zu sehen. Im Er\u00f6ffnungsfilm der <a href=\"http:\/\/chalo-india.de\/chaloindia\/2018\/12\/10\/indische-filmtage-2019-im-schlosstheater-muenster\/\">Indischen Filmtage<\/a>, HOTEL SALVATION, spielt er aber einmal einen Sohn und dieser muss seinen Vater in die heilige Stadt Benares (auch Varanasi genannt) begleiten, weil er sich in den Kopf gesetzt hat, dass er bald sterben wird. Im Interview mit dem deutschen Bollywood-Magazin <a href=\"http:\/\/www.ishq.de\">ISHQ<\/a> sprach er 2017 \u00fcber den Festival-Hit, der in Venedig Premiere feierte.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Benares ist immer ein interessanter, spiritueller Ort als Hintergrund f\u00fcr eine Geschichte, da viele Hindus zum sterben dorthin reisen. Aber westliche Touristen haben immer bestimmte Bilder im Kopf, wenn sie an diesen Ort denken. Bietet der Film vielleicht eine neue Perspektive und was bedeutet der Ort f\u00fcr Sie pers\u00f6nlich?<\/strong><br \/>\nBenares l\u00e4uft immer Gefahr, ein sehr exotischer Ort zu werden aus westlicher Sicht. Zur gleichen Zeit ist es aber in gewisser Weise auch ein exotischer Ort f\u00fcr Inder, die noch nie dort waren. Ich erinnere mich daran, wie ich zum ersten Mal in Benares war. Ich war total \u00fcberw\u00e4ltigt von dem Umfeld, von den reinen Menschenmassen und den Aktivit\u00e4ten, die im alten Benares stattfanden. Man glaubt, dass es sich dabei um eine der \u00e4ltesten St\u00e4dte der Welt handelt. Die Aktivit\u00e4ten drehen sich dabei nicht nur um den Tod. Verschiedene Gottheiten werden in der Stadt angebetet, insbesondere Shiva. Er ist der Gott der Zerst\u00f6rung sagt man, aber in gewisser Weise will er sich nicht manifestieren. Es ist also nicht nur f\u00fcr Leute aus dem Westen eine exotische Stadt, glaube ich pers\u00f6nlich. Was einem zuallererst ins Auge f\u00e4llt, ist der Tod oder die Leichen, die am Flussufer verbrannt werden. Ich war erstaunt, wie viele Menschen das dort am Ganges machen und von der Akzeptanz \u2013 aber nicht der Teilnahmslosigkeit \u2013 des Todes. Es ist wie bei einer Geburt: Wenn jemand, dem wir sehr nahe stehen, ein Kind bekommt, dann sind wir \u00fcbergl\u00fccklich, aber jemandem, den man kaum kennt, sagt man nur: \u201eAch, okay! Herzlichen Gl\u00fcckwunsch!\u201c Und so sieht man in Benares den Tod vor den eigenen Augen geschehen. Dann wird einem bewusst, dass es sich um den unvermeidlichsten Moment des Lebens handelt. F\u00fcr Fremde ist das alles wahrscheinlich sehr exotisch, aber egal wie viele Filme dort angesiedelt sind, es wird immer eine neue Perspektive auf diese Stadt geben. Hunderte Filme spielen in New York oder Los Angeles. Man versucht dann die verschiedenen Aspekte der selben Stadt zu beleuchten. Der Film ist aber nicht an die Ausl\u00e4nder gerichtet. Es geht nicht darum zu zeigen, wie exotisch Benares ist, aber es gibt einfach ph\u00e4nomenale Ereignisse, die dort geschehen. Ich wusste seit meiner Kindheit zwar, dass Menschen zum Sterben nach Benares gehen. <em>(lacht)<\/em> Aber mir war nicht klar, dass es organisierte Einrichtungen daf\u00fcr gibt, wo man einchecken kann und wo bestimmte Regeln gelten, die man befolgen muss, um dort zu bleiben. Es gibt etwas in dieser desorganisierten Stadt, was mich trotz des Chaos\u2019 und des Drecks immer aufheitert. Ich kann meinen Finger nicht darauf legen. Vielleicht sind es die Schwingungen einer h\u00f6heren Ordnung in dieser Stadt, die mich ruhiger machen. Es hilft einem eine innere, tiefere Ruhe zu finden.<\/p>\n<p><strong>Glauben Sie, dass man in Indien vielleicht lockerer mit dem Thema Tod umgeht?<\/strong><br \/>\nWir sind vielleicht lockerer, aber wir sind bei weitem nicht die einzige Nation, die da entspannter herangeht. Ein Todesfall hinterl\u00e4sst nat\u00fcrlich immer eine tiefe Narbe bei den Leuten. Aber da wir grunds\u00e4tzlich an die Idee von Reinkarnation glauben, ob wir das intellektuell akzeptieren oder nicht, irgendwo ganz tief in uns drin wurde diese Vorstellung an uns weitergegeben, dass der Tod nicht das Ende der Geschichte ist, sondern sozusagen ein Fenster in eine andere Dimension. Ich glaube, das ist ein genereller Glaube, der innerhalb der indischen Bev\u00f6lkerung existiert, ob man nun Hindu ist oder Muslim. Ich bin in einer muslimischen Familie aufgewachsen und trotzdem glaube ich daran. Wenn man grunds\u00e4tzlich an so etwas glaubt, geht man vielleicht etwas lockerer damit um. <em>(lacht)<\/em> Aber es ist dennoch f\u00fcr niemanden auf der ganzen Welt eine Sache, mit der man leicht umgehen kann \u2013 da sind wir als Inder nicht anders.<\/p>\n<p><strong>Der Film ist au\u00dferdem von einem sehr jungen Regisseur. Waren Sie \u00fcberrascht, dass er sich schon so viele Gedanken dar\u00fcber gemacht hatte?<\/strong><br \/>\nJa, total \u00fcberrascht! <em>(lacht)<\/em> Der Produzent des Films und ein Freund von mir, der zuf\u00e4lligerweise auch der Vater des Regisseur ist, schickte mir eine Nachricht, in der er mir den Film und sein Thema pr\u00e4sentierte. Er sagte, der Filmemacher gewann einen Preis f\u00fcr den besten Kurzfilm in Venedig und fragte mich, ob ich interessiert sei. Ich sagte dann aus zwei Gr\u00fcnden zu: Erstens wusste er, wie man Filme macht und zweitens interessiere ich mich schon lange f\u00fcr den Tod. Als ich dann erfuhr, wie alt der Regisseur ist, war ich sogar noch neugieriger. Als er das Drehbuch schrieb war er 23 Jahre alt. Ich habe ihn w\u00e4hrend der Dreharbeiten immer wieder gefragt, wie ein 23j\u00e4hriger dar\u00fcber schreiben kann. \u201eWie alt bist du?!\u201c <em>(lacht)<\/em> Aber es ist wirklich sehr interessant, denn der Regisseur meinte, es ginge im Film mehr um das Leben. Der Drama-Teil des Films handelt vom Sterben. Aber ich habe ihn nun schon 15 oder 20 Mal gesehen und es stimmt, es geht darin wirklich um das Leben. Der Regisseur benutzt diese Situation mit einem bevorstehenden Tod wirklich um etwas \u00fcber das Leben zu sagen. Es geht darum, wie eine Figur das Ende willkommen hei\u00dft und wie sein Sohn \u2013 meine Figur \u2013 nicht bereit ist, das zu akzeptieren. Vermutlich glaubt er auch nicht an die Wiedergeburt, zumindest nicht bewusst.<\/p>\n<p><strong>Sie waren schon vor dem Film vom Tod fasziniert, aber sind Sie durch diese Rolle nochmal in sich gegangen?<\/strong><br \/>\n\u201eWer bin ich?\u201c und \u201eWas mache ich hier?\u201c sind die fundamentalen Fragen, die ein Schauspieler f\u00fcr sich beantworten muss, um eine Situation wahrheitsgetreu zu spielen. Diese Methode kommt von dem Vater der modernen Schauspielkunst, Konstantin Stanislavski. Er wollte immer, dass von Schauspielern die f\u00fcnf W-Fragen beantwortet werden: Wer, wo, wann, was und warum. Als junger Schauspieler in den 90er Jahren wollte ich diese Fragen auch auf mein Leben beziehen. Wer bin ich? Was mache ich hier auf dem Planeten Erde? Wo bin ich? Warum bin ich hier? Wohin gehe ich und wann gehe ich? Nur sehr wenige moderne B\u00fccher konnten diese Fragen beantworten, also habe ich nach Antworten in dem indischen, mystischen Glauben gesucht. Ich habe danach auch in anderen Kulturen gesucht, im Shamanismus und dem buddhistischen Glaubens-System und die Schriften von einem ber\u00fchmten Mystiker Indiens, Sri Aurobindo, gelesen.<br \/>\n2003 starb dann mein Vater. Ich drehte damals f\u00fcr eine Fernsehserie an der pakistanischen Grenze. Es war um 20 Uhr abends, mitten in den Dreharbeiten. Ich sa\u00df auf einem Stuhl und wartete auf meine Szene, als mein \u00e4ltester Bruder anrief und sagte, dass unser Vater gestorben ist. Ich sagte nur: \u201eOh, wann?\u201c \u201eUm 14 Uhr.\u201c Dann kam der Regisseur, um mir zu sagen, dass ich an der Reihe sei. Also sagte ich meinem Bruder: \u201eEs tut mir leid. Ich rede sp\u00e4ter mit dir. Ich bin jetzt gerade am Drehen.\u201c Ich habe also noch zwei Stunden gearbeitet. Dann war ich geschockt, dass ich nicht traurig war. Aber ich denke durch meine ganze Recherche zu diesem Thema habe ich wohl irgendwann angefangen zu glauben, dass es in Ordnung sei. Es ist unvermeidlich und wird jedem passieren, egal wer du bist, wo du bist und was immer du gerade machst. Das Problem ist nur: Du wei\u00dft nicht wann es kommt. Wegen dieser Unsicherheit war ich \u00fcberzeugt, dass ich auf so etwas jeden Moment gefasst sein musste, ob es nun mich trifft oder andere. Ich war also emotional darauf vorbereitet und mein Vater hat 93 Jahre lang gelebt, also hatte ich deswegen auch keine Gewissensbisse, aber ich war \u00fcberrascht von meiner Reaktion. Als ich dann nach acht Tagen nach Hause kam, war er schon beerdigt und ich schlug vor, dass wir feiern sollten. In den B\u00fcchern, die ich gelesen habe, wei\u00dft es n\u00e4mlich, wenn wir \u00fcber den Tod eines Menschen trauern, der ein langes und erf\u00fclltes Leben hatte, dass ihre Seele nicht geht. Wir sollten sie gehen lassen \u2013 und zwar gl\u00fccklich. Das stimmt auch mit anderen Glaubensvorstellungen \u00fcberein \u2013 zum Beispiel bei Indianern oder Buddhisten. Ich habe also daran geglaubt, dass ich nicht trauern sollte.<br \/>\nAls ich dann dieses Filmangebot bekam, dachte ich dann nur: \u201eKlasse, jemand macht einen Film dar\u00fcber! Warum nicht?\u201c<em> (lacht)<\/em><\/p>\n<p><strong>Der Film soll au\u00dferdem auch witzig sein.<\/strong><br \/>\nJa. Die witzigen Situationen sind da, obwohl es so ein bedr\u00fcckendes Thema aus emotionaler Sicht ist. Aber aus pragmatischer Sicht, wenn man in diesem Hotel nur 15 Tage bleiben darf, hat das eine komische Seite. Meine Frau im Film versucht dabei ganz praktische Probleme zu l\u00f6sen und fragt, wie lange das Ganze wohl dauert und all so etwas.<\/p>\n<p><strong>Wie wohl jeder andere Journalist war ich auch \u00fcberrascht herauszufinden, dass Sie einmal ein Stand-Up Comedian waren.&nbsp;<\/strong><strong>Sie haben sehr jung damit angefangen. K\u00f6nnen Sie mir vielleicht verraten, wie sich die Comedy-Szene in Indien \u00fcber die Jahre ver\u00e4ndert hat?<\/strong><br \/>\nIch sch\u00e4tze, es ver\u00e4ndert sich gerade langsam. Ich sehe mir bestimmte Comedians an, beispielsweise Kunal Kamra. Es gibt da noch einen namens Vir Das. Ich bin so froh, dass die Leute in ihrer Comedy all diese Probleme ansprechen, wie Fanatismus, Nationalismus oder andere soziale Themen. Die Leute schauen sich das an und lachen \u00fcber sich selbst und ihre unvern\u00fcnftigen Einstellungen. Der Humor wandelt sich von einem eher Slapstick-lastigen hin zu einer Form von Comedy, die mehr an Satire erinnert. Es ist ein gutes Zeichen, dass die Pointen intelligenter werden und manche von ihnen haben wirklich die Messlatte hoch angesetzt. Andere holen auf. In Slapstick-Comedy macht man sich immer \u00fcber Leute lustig, \u00fcber eine bestimmte Sprache, ein Geschlecht oder sexuelle Orientierung. Ich freue mich also, dass sich das \u00e4ndert und die Show von Vir Das hat mir wirklich gut gefallen.<\/p>\n<p><strong>Machen Sie noch immer manchmal Stand-Up Comedy? Oder h\u00e4tten Sie nach all den ernsteren Rollen auch mal Lust in einer Kom\u00f6die mitzuspielen?<\/strong><br \/>\nIch mache nur noch Stand-Up vor meinem Sohn und meiner Ehefrau. Professionell mache ich das nicht mehr, denn das war nur ein Weg meine Karriere und mein k\u00fcnstlerisches Leben zu starten. Ich habe sechs Jahre lang meinen Lebensunterhalt als Stand-Up Comedian bestritten. Das hat mir wirklich Spa\u00df gemacht und ich bin au\u00dferdem als Clown ausgebildet. Ich war lange als Clown in Europa unterwegs, insbesondere in Holland. Ich habe in Holland als Lehrer gearbeitet von 1997 bis 2001 und habe da etwas herumgekaspert.<br \/>\nIch w\u00fcrde sehr gerne eine leichte Kom\u00f6die drehen. Ich wei\u00df nicht, warum sie mich in so etwas nicht besetzen. 1999 habe ich in einem Theaterst\u00fcck mitgespielt, Othello, und das haben wir \u00fcber zehn Jahre lang aufgef\u00fchrt. Viele Leute, die mich in diesem St\u00fcck gesehen haben, sind heute f\u00fcr die Besetzung von Filmen verantwortlich und die kennen mich eben nur aus Othello. Die denken also: \u201eOh, der Typ ist ein ernsthafter Theaterschauspieler.\u201c Aber sie haben ja nie gesehen wie ich Kom\u00f6dien mache! In meinem Heimatstaat Assam machte ich Comedy als ich aufgewachsen bin und da wurde ich nie in einer ernsthaften Rolle besetzt, weil sie mich alle f\u00fcr einen Komiker gehalten haben. Jetzt w\u00fcrde ich gerne nochmal in einer Kom\u00f6die mitspielen, aber ich hoffe, dass mich jemand auch so besetzt.<\/p>\n<p><strong>Ist es leichter mit jemandem zu arbeiten, der auch einen Theater-Hintergrund hat, wie Lalit Behl in HOTEL SALVATION?<\/strong><br \/>\nDas Theater ist noch immer meine erste Liebe. Wenn ich daf\u00fcr nur etwas besser bezahlt werden k\u00f6nnte, jetzt nicht so viel wie beim Film, aber ein wenig mehr, als ich jetzt bekomme, dann w\u00fcrde ich sofort zur\u00fcck zum Theater gehen. Es ist immer etwas leichter mit jemandem zu arbeiten, der einen \u00e4hnlichen Hintergrund hat und den Wert von Proben kennt. Jemand, der die tiefgr\u00fcndigeren Aspekte einer Charakterisierung versteht und der erkennt, wenn eine Situation nicht \u00fcberzeugend ist und wenn man sie dadurch selbst nicht \u00fcberzeugend spielen kann. Das hilft nat\u00fcrlich, aber es ist von Schauspieler zu Schauspieler unterschiedlich. Es kann auch leichter sein, mit einem Film-Schauspieler zu arbeiten, je nachdem an welche Arbeitsmethode er glaubt.<\/p>\n<p><strong>Wir kommen heute sehr viel leichter an indische Independent-Filme heran durch Video-on-Demand-Plattformen wie Netflix, wo man beispielsweise THE VIOLIN PLAYER oder SUNRISE sehen kann. Merken Sie, dass diese Filme nun mehr Leute erreichen und hilft das etwa neue Filme zu finanzieren?<\/strong><br \/>\nJa, es ist heute leichter einen Independent-Film zu machen, es ist aber trotzdem definitiv nicht einfach. <em>(lacht)<\/em> Ich kriege jeden Monat so viele Drehb\u00fccher, f\u00fcr die Geldmittel gesammelt werden und manche von denen sind brillant. Es gibt ein Drehbuch, das das beste ist, was ich je gelesen habe und es ist noch immer nicht gedreht worden, obwohl es schon seit f\u00fcnf Jahren existiert. Es liegt bei mir und ich brenne darauf, es zu machen, aber es konnte bisher nicht finanziert werden. Guillermo Arriaga, der Autor von Amores Perros, ist einer der besten Drehbuchautoren weltweit und sogar er meint, das sei das beste Drehbuch, das er in den letzten 10 Jahren gelesen habe.<br \/>\nAber die Leute werden zumindest offener und h\u00f6ren sich verschiedene Ideen an, auch wenn sie dir nicht unbedingt Geld daf\u00fcr geben. Durch Plattformen wie Netflix, Amazon Prime und Hotstar \u2013 das ist eine indische Plattform \u2013 ist es leichter, diese Filme zu sehen. Aber wir sind weit weg von den M\u00f6glichkeiten, die man in Europa oder Deutschland hat, wo solche Filme eher normal sind. Ich habe zuletzt einen Film gemacht, der mit Geldern aus Norwegen, Deutschland, D\u00e4nemark und Schweden finanziert wurde. Die Regisseurin des Films hei\u00dft Iram Haq. Ich bin gerade fertig mit den Dreharbeiten in Deutschland und der Film hei\u00dft: What will people say? (WAS WERDEN DIE LEUTE SAGEN?) Das w\u00e4re ein normaler Film in Norwegen, keine Arthouse Produktion. Bollywood-Filme sind erfolgreich, weil sie einer indischen Erz\u00e4hlweise folgen. Sie sind \u00fcberlebensgro\u00df, es gibt Musik und Tanz und all das, aber es ist wirklich schwer einen guten, bedeutsamen Film zu machen, der diese Richtlinien alle erf\u00fcllt. Ich pers\u00f6nlich w\u00fcrde HOTEL SALVATION als Mainstream-Film betrachten, denn er hat alles: Spa\u00df, Tod, Drama, es ist alles da! Es ist f\u00fcr uns aber noch ein weiter Weg, bis das so angesehen wird, auch wegen der Vertriebswege.<\/p>\n<p><strong>Sie sind aber auch mit Amitabh Bachchan, Dharmendra, Hema Malini und diesen kommerziellen Bollywood-Filmen aufgewachsen. Schauen Sie sich so etwas denn heute \u00fcberhaupt noch an?<\/strong><br \/>\nManche von ihnen sind wirklich gut gemacht! Wie zum Beispiel MUNNABHAI oder DANGAL&#8230; ENGLISH VINGLISH ist nat\u00fcrlich ein kommerzieller Film oder&nbsp;3 IDIOTS. Manche von ihnen machen sehr gut auf bestimmte Probleme aufmerksam und erreichen ein sehr gro\u00dfes Publikum. So etwas hat einen starken sozialen Einfluss. Ich habe mal in einem Flugzeug ein Paar getroffen, das mit seiner Tochter nach Bombay flog, um sie auf eine bestimmte Schule zu schicken und ich sagte ihr: \u201eMein Gott, du hast wirklich Gl\u00fcck, solche Eltern zu haben!\u201c Aber der Vater sagte mir: \u201eNein, nein, wir haben&nbsp;3 IDIOTS geschaut, also haben wir uns entschieden, dass unsere Tochter machen darf, was ihr gef\u00e4llt.\u201c Es gibt nat\u00fcrlich immer einen Unterschied zwischen feinerer und popul\u00e4rer Kunst, aber solche Filme haben einen starken Einfluss. Ich sehe mir also manche wirklich gerne an und andere halte ich nicht aus.<\/p>\n<p><strong>SUNRISE ist eine Ihrer wenigen Hauptrollen in Filmen, darin haben Sie aber nur sehr wenig Text. War das eine spannende Herausforderung f\u00fcr Sie oder war das ganz entspannt, nicht so viel auswendig lernen zu m\u00fcssen?<\/strong><br \/>\nF\u00fcr mich ist Film ein sehr visuelles Medium. Das Visuelle ist eines der wichtigsten Elemente in der Filmsprache und es spricht B\u00e4nde. Wenn es forciert ist, m\u00f6glichst wenig Dialoge zu haben, dann wird das keinen Sinn machen. Aber wenn die Situationen so sind, dass es nicht n\u00f6tig ist zu sprechen und wenn das Drehbuch so clever geschrieben wurde, dass es nicht viele Dialoge braucht, dann ist das in Ordnung. F\u00fcr mich war es eine Herausforderung und zur gleichen Zeit ist es auch ein Vorteil, denn man muss nat\u00fcrlich nicht viel lernen! Es ist nicht so, dass ich ein fauler Schauspieler w\u00e4re. Aber es ist so nat\u00fcrlich schwieriger zu vermitteln, was man f\u00fchlt, denn oft benutzen Schauspieler ihre Dialoge als eine Kr\u00fccke. SUNRISE war auf so viele Arten ein herausfordernder Film, auch wegen der psychologischen Verfassung des Vaters. (Adil Hussain spielt im Film einen Polizisten, dessen Tochter vor Jahren entf\u00fchrt wurde und der nun Verbrechern auf der Spur ist, die ebenfalls M\u00e4dchen verschleppen.) Au\u00dferdem ist der Film sehr d\u00fcster und intensiv. Ich habe bei der Erfahrung aber viel dazu gelernt. Es war sehr inspirierend zu sehen, wie gut das dann letztendlich funktioniert hat.<\/p>\n<p><strong>Sie waren auch in einigen internationalen Filmen. War es schwer, diese Rollen zu bekommen?<\/strong><br \/>\nNein, LIFE OF PI (SCHIFFBRUCH MIT TIGER) bekam ich sehr fr\u00fch in meiner Film-Karriere. Ein Freund von mir hat mich einfach gebeten vorzusprechen. Ich ging also dorthin und nach einer Woche bekam ich einen Anruf von dem Casting-Chef in New York, der sagte, dass Ang Lee (der Regisseur des Films) mich gerne treffen m\u00f6chte. Ich habe ihn also getroffen und nach einer Woche kam ich Bescheid, dass er mich in der Rolle haben wollte. Von meiner Seite war das also kein Kampf. Ich musste nur eine Szene f\u00fcr das Vorsprechen drehen, das war es. Ich hatte einfach Gl\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>Sie spielen au\u00dferdem Radhika Aptes \u201eMystery Lover\u201c<\/strong><em> (Adil lacht)<\/em><strong> in PARCHED \u2013 ZEIT DER FRAUEN. Im Making of erz\u00e4hlten Sie, Ihre Frau habe angeboten zu den Dreharbeiten ans Set zu kommen. Hat sie den Film dann sp\u00e4ter auch gesehen?<\/strong><br \/>\nJa, klar! Es ist etwas interessantes passiert: Bevor der Film in Indien herauskam, wurde diese Szene im Netz weit verbreitet und ich bekam einen Anruf von einem Freund, der meinte: \u201eHey! Deine Sex-Szene ist viral!\u201c \u201eWas?!\u201c Ich habe sie dann meiner Frau gezeigt und die meinte nur: \u201eOh mein Gott! Das hast du aber gut gemacht!\u201c Radhika, die au\u00dferdem eine gute Freundin von mir ist, hat auch angerufen und sie sprach sehr lange mit meiner Frau und sie lachten sich schlapp \u00fcber die Szene. Meine Frau ist Theaterschauspielerin, sie ist an Filmen nicht sonderlich interessiert, vermutlich auch, da sie etwas sch\u00fcchtern ist und Aufmerksamkeit nicht so gerne hat. Sie bot mir also an ans Set zu kommen, falls ich Hemmungen bei der Szene h\u00e4tte. Ich meinte aber: \u201eDas sollte ich wohl besser alleine hinkriegen. Mach dir keine Sorgen!\u201c <em>(lacht)<\/em> Sie hatte aber eine italienische Produktion mit mir gesehen, GANGOR, worin es auch eine intime Szene mit mir und meiner Filmpartnerin gab und sie fand diese Szene v\u00f6llig unglaubw\u00fcrdig. Sie meinte, ich sei \u00fcberhaupt nicht \u00fcberzeugend.<em> (lacht)<\/em> Und sie hatte Recht. Ich war sehr sch\u00fcchtern und gehemmt. Als ich meiner Frau dann von der Rolle erz\u00e4hlte, die Leena Yadav mir angeboten hatte, sagte sie: \u201eSehr gut. Vermassele es nicht! Mach es richtig.\u201c Es war sehr nett. Sie ist mein R\u00fcckgrat.<\/p>\n<p><strong>Radhika Apte musste sich danach Einiges anh\u00f6ren. Hat \u00fcberhaupt irgendwer Ihnen etwas zu dieser Szene gesagt?<\/strong><br \/>\nNein, das war auch mein Problem mit der ganzen Sache. Warum wird es \u00fcberhaupt immer als Radhika Aptes Sex Szene bezeichnet? Wenn ein Mann so etwas dreht, ist das \u00fcberhaupt kein Thema. Radhika und ich wurden von einem sehr bekannten Fernseh-Journalisten in Indien interviewt und dort habe ich auch die Frage gestellt: \u201eWarum ist es nicht Adil Hussains Sex Szene?\u201c Ich finde das alles sehr seltsam. Indien war einmal ein sehr offenes Land, was Sexualit\u00e4t angeht. Wir haben verbl\u00fcffende Skulpturen und Gem\u00e4lde, wir schrieben das Kama Sutra vor 1000en von Jahren. Ich wei\u00df nat\u00fcrlich, dass das mit unserer Geschichte zusammenh\u00e4ngt. Die muslimischen Herrscher haben uns ver\u00e4ndert und dann kamen noch die Briten mit ihren viktorianischen Werten. Wir sind ein Land von 1,3 Millarden Menschen und wir sprechen nicht \u00fcber Sex.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Adil Hussain spielte im diesj\u00e4hrigen norwegischen Oscar-Beitrag \u201eWas werden die Leute sagen\u201c von Iram Haq einen Mann, der seine eigene Tochter in ihr Heimatland Pakistan entf\u00fchrt, weil sie anscheinend zu &#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":668,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[4],"tags":[],"class_list":["post-658","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-neuigkeiten"],"_links":{"self":[{"href":"http:\/\/chalo-india.de\/chaloindia\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/658"}],"collection":[{"href":"http:\/\/chalo-india.de\/chaloindia\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"http:\/\/chalo-india.de\/chaloindia\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/chalo-india.de\/chaloindia\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/chalo-india.de\/chaloindia\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=658"}],"version-history":[{"count":10,"href":"http:\/\/chalo-india.de\/chaloindia\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/658\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":809,"href":"http:\/\/chalo-india.de\/chaloindia\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/658\/revisions\/809"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"http:\/\/chalo-india.de\/chaloindia\/wp-json\/wp\/v2\/media\/668"}],"wp:attachment":[{"href":"http:\/\/chalo-india.de\/chaloindia\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=658"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"http:\/\/chalo-india.de\/chaloindia\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=658"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"http:\/\/chalo-india.de\/chaloindia\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=658"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}