{"id":835,"date":"2022-09-22T13:03:00","date_gmt":"2022-09-22T11:03:00","guid":{"rendered":"http:\/\/chalo-india.de\/chaloindia\/?p=835"},"modified":"2022-09-23T18:57:43","modified_gmt":"2022-09-23T16:57:43","slug":"interview-gurvinder-singh","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/chalo-india.de\/chaloindia\/2022\/09\/22\/interview-gurvinder-singh\/","title":{"rendered":"Regisseur Gurvinder Singh im Interview"},"content":{"rendered":"\n<p>CRESCENT NIGHT (2022, Original: ADH CHANANI RAAT) ist der neue Film von Gurvinder Singh, der auf einem Punjabi-Roman von Gurdial Singh basiert und beim internationalen Filmfestival in Rotterdam lief. Schon seine vorangegangenen Punjabi-Werke ANHE GHORE DA DAAN (auf Mubi verf\u00fcgbar) und CHAUTHI KOOT feierten Premiere in Venedig und Cannes. In M\u00fcnster wird er nun dem Publikum von Litfilms und Chalo India vorgestellt, als Abschlussfilm der indischen Filmtage am 25.9.2022. Eine Inhaltsangabe findet man im <a href=\"http:\/\/chalo-india.de\/chaloindia\/filmtage-2022\/\" data-type=\"page\" data-id=\"784\">Festival-Programm<\/a> und hier teilen wir einen Auszug aus einem Interview zu CRESCENT NIGHT im <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/ishq.de\/ishq-ausgaben\/ishq177\/\" target=\"_blank\">I<\/a><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/ishq.de\/ishq-ausgaben\/ishq177\/\" target=\"_blank\">S<\/a><a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/ishq.de\/ishq-ausgaben\/ishq177\/\" target=\"_blank\">HQ Magazin<\/a>.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wann haben Sie die Werke von Gurdial Singh entdeckt und was hat Ihnen daran gefallen?<br><\/strong>Als Punjabi suchte ich einen Autor, der sich mit regionalen Themen auskennt und in dieser Sprache schreibt. Da ich bereits nach den Romanen von Gurdial Singh gedreht hatte, wollte ich unbedingt meine Trilogie basierend auf seinen Werken vervollst\u00e4ndigen. Mein erster Film befasste sich mit den N\u00f6ten der unteren Kaste im Punjab.<br>Im zweiten ging es um Politik, Religion und Nationalismus sowie deren Einfluss auf ganz normale Menschen. Und nun wollte ich mit dem dritten Film das Gesamtbild des Punjabs vervollst\u00e4ndigen. Die Menschen im Punjab sind im Grunde eine Agrargesellschaft und dieser Film handelt es von der Klasse, die das Land verliert, vom Stolz und Ego der Menschen, die ihren Besitz und ihr Land sch\u00fctzen wollen. Als ich die Romane von Gurdial Singh las, hatte ich Mitleid mit jemandem, der einen Mord begangen hat. Urspr\u00fcnglich war er ein sanfter und gutm\u00fctiger Mensch. Doch er wurde in eine Situation gedr\u00e4ngt, in der er die Dem\u00fctigung seines Vaters r\u00e4chen und den Verbrecher t\u00f6ten musste. Wenn ich jetzt an die Werke von Gurdial Singh denke, habe ich das Gef\u00fchl, dass gute Literatur nie an Relevanz verliert.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>K\u00f6nnen wir \u00fcber die Produktion sprechen? Wie haben Sie die Idee entwickelt?<br><\/strong>Nun, mir ist sehr wohl bewusst, mit welchem \u200b\u200bBudget ich meine Filme drehen kann und wie sie aufgenommen werden. Deshalb muss ich mich in entsprechenden finanziellen Rahmen bewegen. Trotzdem liegen mir meine Themen am Herzen und ich m\u00f6chte in meiner Nische bleiben, auch wenn das Herausforderungen mit sich bringt. Vieles l\u00e4uft bei mir anders als man es \u00fcblicherweise von Filmemachern kennt. Beispielsweise mag ich keine Proben, sondern fange gleich mit dem Drehen an. Meine Schauspieler w\u00e4hle ich aus den Menschen meines Umfeldes. Dabei ist es v\u00f6llig egal, ob sie professionell ausgebildet sind oder nicht. Ein Vorsprechen findet bei mir sozusagen im wirklichen Leben statt. Ich sehe die Leute und kann einsch\u00e4tzen, wozu sie f\u00e4hig sind.<br>Die Ehefrau des Protagonisten wird von Mauli Singh gespielt, die eigentlich eine PR-Agentin und Produzentin ist. Aber sie studierte auch Theaterwissenschaften und hat bereits auf der B\u00fchne gespielt. Damals rief ich sie an und sagte: \u201eIch m\u00f6chte dich in mein Projekt einladen. Die Entscheidung ist endg\u00fcltig, also spar mir die Zeit und nimmt die Herausforderung an\u201c. Ihre Protagonistin ist eine Frau \u2013 geschieden und mit einem Kind \u2013 die ihr Leben gerade neu beginnt. Irgendwie habe ich dasselbe f\u00fcr Mauli als Person empfunden. Jatinder Mauhar, der Modan spielt, ist ein Filmregisseur, der bereits drei Filme auf Punjabi gedreht hat. Ich kenne ihn sehr gut als Person. F\u00fcr mich kann er gleichsam die Gef\u00fchle von Sanftheit und Wut in sich tragen. Eines Tages sagte ich ihm: \u201eIch mag dein Gesicht, du bist perfekt f\u00fcr diese Rolle\u201c. Nach unserem Dreh hat er sein schauspielerisches Talent entdeckt und will jetzt in seinen eigenen Filmen spielen. Ich hatte immer diese Idee, dass nicht ich als Regisseur die Schauspieler f\u00fchre, sondern jeder von ihnen sein eigener Regisseur ist. Ich helfe ihnen nur, einige Dinge auszudr\u00fccken. Sonst spielen sie auf der Grundlage ihrer eigenen Erfahrungen aus der Vergangenheit oder wie sie die Situation verstehen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Wie gut kennen Sie das Leben in einem Punjabi-Dorf? Der Roman von Singh spielt in den 1970er-Jahren. K\u00f6nnen Sie best\u00e4tigen, dass immer noch die gleichen Probleme bestehen oder sind es mittlerweile andere?<br><\/strong>Haben Sie von den Dili-Chalo-Bauernprotesten in den Jahren 2020 und 21 geh\u00f6rt? Tausende Punjabi-Landwirte sind bis zum Stadtrand von Delhi gegangen, um gegen Gesetze, die die Landwirtschaft betreffen, zu demonstrieren. Das war der gr\u00f6\u00dfte Protest dieser Bev\u00f6lkerungsgruppe in der indischen Geschichte. Schlie\u00dflich musste die Regierung ihre Entscheidungen \u00fcberdenken. In den 1960er und 1970er Jahren war die Produktion nicht so gro\u00df und erfolgte meistens auf nat\u00fcrliche Weise. Dann kamen neue Anbaumethoden und vor allem D\u00fcngemittel chemischer Herkunft hinzu. Durch die Verwendung der Chemikalien wurden viele Sch\u00e4den verursacht, unter anderem auch Krankheiten in dieser Bev\u00f6lkerungsgruppe. In den 1980er- und 90er-Jahren gab es die gr\u00f6\u00dfte Migrationswellen der Landwirte Richtung Westen.<br>Viele von ihnen lie\u00dfen ihr Land zur\u00fcck und gingen nach Kanada oder Australien. Ihre Kinder haben gesehen, wie hart das Leben ihrer V\u00e4ter war und wollten nat\u00fcrlich auch nicht mehr zur\u00fcck. Sie verpachteten das Land an andere, blieben selbst im Westen und investierten in die indische Landwirtschaft. Ich habe die Situation sowie die Proteste verfolgt und einen Dokumentarfilm dar\u00fcber gedreht. Der befindet sich gerade noch in der Postproduktion.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>In Ihrem Statement zum Film sprechen Sie vom \u201eletzten verzweifelten Widerstand der Unterdr\u00fcckten\u201c. Macht dieser Widerstand \u00fcberhaupt Sinn?<br><\/strong>Ich denke schon. Man muss Alles in einem gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang sehen. Im Film sehen wir eine Familie, die mehr Land hat und andere Familien mit weniger Land unterdr\u00fcckt. Aber diese Familie kommt auch nicht aus diesem Teufelskreis heraus und r\u00e4cht sich an anderen, die noch weniger Besitz haben oder gar keinen. Also wollte ich \u00fcber die Idee der Unterdr\u00fcckung sprechen und wie wir auf Ungerechtigkeit reagieren. Vielleicht macht es keinen Sinn, Widerstand zu leisten, weil die Konsequenzen im Voraus bekannt sind, aber man will ihn mit vollem Bewusstsein riskieren. Das Gesetz gibt uns oft keine Gerechtigkeit, also nehmen die Menschen diese selbst in die Hand. Ich strebe nicht danach, eine universelle L\u00f6sung zu bieten oder anderen Instruktionen zu geben, wie sie sich in dieser Situation verhalten sollen. Meine Idee ist es nur, die Reaktion des Protagonisten zu zeigen, ohne ihn zu beurteilen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Was steht f\u00fcr Sie als N\u00e4chstes an?<br><\/strong>Die Trilogie ist fertig. Sie basiert auf dem Werk eines anderen und jetzt will ich meine eigenen Geschichten erz\u00e4hlen. Ich habe bereits mehrere im Kopf, aber ich wei\u00df noch nicht, welche ich zuerst ausw\u00e4hlen werde. Ich will mir keinen Druck machen, da ich gleichzeitig an vielen anderen Projekten arbeite. Im Moment drehe ich drei Dokumentarfilme. Im Vergleich zu einem Spielfilm empfinde ich einen Dokumentarfilm als nette Abwechslung und ehrlich gesagt, als wahre Kunst. Bei einem Spielfilm arbeitet man im Team. Dokumentarfilme dreht man alleine oder mit einem sehr kleinen Team. Deshalb kann ich mich hier nur auf mich selbst verlassen und f\u00fcr alles Verantwortung \u00fcbernehmen.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Interview wurde gef\u00fchrt von Tatiana Rosenstein<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>CRESCENT NIGHT (2022, Original: ADH CHANANI RAAT) ist der neue Film von Gurvinder Singh, der auf einem Punjabi-Roman von Gurdial Singh basiert und beim internationalen Filmfestival in Rotterdam lief. 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