Shubhashish Bhutiani Interview: Indien ist ein toller Ort für junge Regisseure

Regisseur Shubhashish Bhutiani bei den Dreharbeiten zu seinem ersten Spielfilm HOTEL SALVATION mit seinen Darstellern Adil Hussain und Lalit Behl.

Shubhashish Bhutiani ist ein vielversprechender Newcomer, der mit seinem Kurzfilm KUSH über die Aufstände gegen die Sikh-Community 1984 schon Preise gewann, unter anderem beim internationalen Film Festival in Venedig. Sein erster Spielfilm HOTEL SALVATION (MUKTI BHAWAN), der weltweit auf vielen Festivals zu sehen war, brachte ihm einen Special Jury Award bei den National Film Awards in Indien ein. Es geht darin um einen Mann, der zum Sterben nach Varanasi reisen möchte und dabei von seinem Sohn (Adil Hussain) widerwillig begleitet wird. Gemeinsam checken sie dann in einem Hotel ein, welches die Regel hat, dass man entweder in 15 Tagen stirbt oder wieder abreist.
Im ISHQ Interview erzählte er etwas mehr über die Entstehung seines Regie-Debüts, das am 13.1. um 11 Uhr die indischen Filmtage in Münster eröffnet.

 

Sie scheinen eine viel bessere Beziehung zu ihrem Vater zu haben, der ihren Film auch produziert hat, als die Hauptfigur im Film. Konnte Sie sich trotzdem damit identifizieren oder war das für Sie nicht notwendig?
Natürlich, ich habe den Film ja auch selbst geschrieben. Es ist mir schon wichtig, dass ich mich in die Charaktere hineinversetzen kann. Wenn wir Filme gucken, dann sind die Menschen darin ja auch nicht exakt wie wir, aber wir identifizieren uns trotzdem mit ihnen oder ihrer Geschichte. Das Drehbuch basiert also auf dem, was ich weiß, auf meinen Beobachtungen und meinen Recherchen. Das half mir, mich in diese Figuren hineindenken zu können. Außerdem sind manche der Probleme, die sie miteinander haben, sehr alltäglich.

Die Themen sind ja auch sehr universell, aber zugleich kennt man diese Situationen wohl nur in Indien. Wie reagieren die Leute auf internationalen Festivals darauf?
Es gibt unterschiedliche Reaktionen. Ich kann natürlich nicht für alle sprechen. Aber viele Leute sind neugierig auf MUKTI BHAWAN, weil sie von dem Konzept des Hotels noch nie gehört haben. Varanasi (oder Benares) ist ihnen aber ein Begriff, also wollen sie sich den Film ansehen. Sie kommen also, weil sie neugierig sind, stellen dann aber auch fest, dass es Berührungspunkte mit diesen Charakteren gibt. Entweder man kann sich mit einer der Figuren identifizieren oder mit den Beziehungen im Film, denn es geht um eine Familie. Für viele geht es aber auch darum, etwas Neues zu entdecken.
Der Film enthält außerdem auch Humor und man merkt, dass man in verschiedenen Kulturen über dasselbe lacht – in manchen vielleicht mehr als in anderen. Aber die Beziehungen und deren Dynamik sind universell, das stimmt natürlich.

Sie haben viel Lob und Preise erhalten für HOTEL SALVATION. Die Leute waren aber auch überrascht, dass Sie noch so jung sind, aber einen sehr reifen Film gemacht haben. Waren Ihre Freunde auch so überrascht oder waren Sie schon immer reif für Ihr Alter?
(lacht) Nein, nein! Ich bin manchmal reif und manchmal unreif wie ein Kind. Der letzte Film, den ich gemacht habe (KUSH) war mit siebzehn Kindern. Sie waren die Hauptdarsteller. Dabei hat mein Gehirn wie das eines Kindes funktioniert. Bei diesem Film musste ich anders denken. Man arbeitet ja nicht alleine daran, sondern mit Schauspielern und einem Team zusammen. Wir fügen den Film zusammen und versuchen unsere Geschichte auf die bestmögliche Art umzusetzen.
Ich weiß nicht, ob meine Freunde überrascht waren – manche bestimmt! Sie haben vermutlich erwartet, dass ich als meinen ersten Film etwas anderes machen würde.

Was für eine Sorte Film hätten sie denn von Ihnen erwartet?
Ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Die Leute sind überrascht, weil ich 25 Jahre alt bin, aber wenn eine Geschichte dich berührt, dann hat das nichts mit dem Alter zu tun. Es ist genauso, als würde man einen Mann fragen, warum er einen Film über eine Frau macht. Es geht um Menschen und damit kann jeder etwas anfangen, egal welches Geschlecht wir haben, welches Alter oder aus welchem Land wir kommen. Ein Typ aus dem Iran kann einen Film in Indien drehen – wie zum Beispiel gerade Majid Majidi. Am Ende des Tages sind wir alle Menschen.

Hat die Tatsache, dass Sie so viel zum Thema Tod recherchiert haben, Ihren Blick auf das Leben verändert? Oder ist das eher eine Klischee-Vorstellung?
Ich denke nicht, dass das ein Klischee ist, denn ich fühle mich definitiv wie ein anderer Mensch nach dem Film. Ich werde noch erwachsen und forme meine Ideen. Man lernt jeden Tag etwas dazu und Einiges davon wollte ich in diesem Film ausdrücken. Zum Beispiel das Gefühl, das einen überkommt, wenn man dort am Flussufer steht, wo all diese Körper eingeäschert werden. Man kann das nicht wirklich in Worte fassen, weil es zu abstrakt ist. Es ist nicht Traurigkeit, sondern ein sehr gemischtes Gefühl. Man hat dort so viele Gedanken, über den Geruch oder die Menschen mit ihren Angehörigen. Es ist schwer zu beschreiben, wie der Film meine Ansichten über den Tod geändert hat. Es geht einfach viel tiefer.

Wie haben Sie diese speziellen Hotels entdeckt und wie kamen Sie auf die Idee, eine Geschichte darüber zu erzählen?
Ich bin von Kerala nach Varanasi gereist, als ich von diesen Hotels hörte. Ich war als Rucksacktourist für drei Monate in Südindien unterwegs und bei jedem Ort hat man bestimmte Ziele, die man ansteuert. Jedenfalls packte mich dann die Neugierde und die Verblüffung darüber, dass es so etwas in Indien geben kann. Ich habe erst gar nicht daran gedacht, einen Film darüber zu machen. Das kam erste drei Monate nachdem ich dort war. Als ich das erste Mal dort war, fand ich den Ort schon interessant. Es gab dort eine Tafel direkt vor dem Büro des Managers, wo drauf stand, was die Gäste machen können und was nicht. Ich erinnere mich, dass ich das sehr witzig fand, als wäre das eine Schule oder eine Institution, wo die Leute hinkommen, um zu bleiben. In diesem Moment sprang bei mir ein Funke über. Als ich dann mit den Leuten redete, um sie besser kennenzulernen, merkte ich gleich, dass das ganz normale Menschen sind. Sie kommen von so interessanten Hintergründen. Mein Großvater könnte zu ihnen gehören – egal wer. Als mir dann jemand erzählte von den Schwierigkeiten eines Sohnes, der seinen Vater hinbrachte, dann erschien mir das wie etwas aus einem Buch. Die Vorstellung dieses Dilemmas brachte mich dann auf die Idee zu dem Film.

Sind Inder vielleicht etwas gelassener was den Tod betrifft, vielleicht durch die Idee der Wiedergeburt?
Eigentlich nicht. Man kann das so pauschal nicht sagen. Die Bevölkerung von Indien besteht aus etwa 1,3 Milliarden Menschen. Wir sind viel durchmischter und man kann die Sicht auf den Tod von einer ganzen Kultur nicht so über einen Kamm scheren. In Varanasi sehen sie das vermutlich ganz anders als in den Großstädten. Tod ist in der Stadt so allgegenwärtig und man sieht es überall. Eine Leiche würde sie nicht so sehr belasten wie jemanden aus der Stadt. Ich glaube nicht, dass sie wirklich entspannter sind, denn es ist einfach menschlich, Trauer zu empfinden und zu weinen. Wir hängen ja alle an denen, die wir lieben, daher ist es schwer für uns, sie gehen zu lassen. Es ist also nicht so, dass wir das alle so leichtfertig nehmen. Aber es gibt natürlich Menschen, die fühlen, dass der Tod etwas ist, was gefeiert werden sollte und einfach zum Leben dazu gehört. Das ist aber etwas, was man auf der ganzen Welt sieht. Ich denke, man würde in jeder Kultur Leute finden, die das so sehen. Es ist einfach so eine persönliche Sache, dass man das nicht auf alle Inder – oder Hindus beziehen kann. Die Wiedergeburt gibt es ja nur bei Hindus. Aber auch wenn man daran glaubt, ist es eine schmerzhafte Erfahrung, sich zu verabschieden. Das ist einfach die natürliche Reaktion auf diesen ganzen Prozess.

Adil Hussain meinte gerade, dass der Film aber auch sehr viel mehr vom Leben handelt. Würden Sie dem zustimmen?
Ja, das ist wahr. Als ich anfing zu schreiben, sah ich sofort ein, dass ich vom Tod keine Ahnung habe. Man kann darüber in gewisser Weise auch nichts schreiben. Ich wollte wirklich einen Film über Beziehungen machen und darüber, was das mit einer ganzen Familie macht, wenn jemand sagt, er möchte gehen, um zu sterben. Es geht also wirklich mehr um das Leben und die Beziehung zwischen Vater und Sohn. Tod ist nur der Kontext, aber HOTEL SALVATION ist kein morbider Film. Es ist hoffentlich ein lustiger Film, oder zumindest einer, der ein Lächeln beim Zuschauer hervorruft.

Ich habe gelesen, dass Lalit Behl nicht nur Schauspieler sondern auch Regisseur ist. Fällt es leicht mit einem Schauspieler zu arbeiten, der schon Regie-Erfahrung hat oder ist es anstrengend, weil er meint, alles besser zu wissen? Hat er Ihnen irgendwelche Tipps gegeben?
Es ist klasse, weil ich sehr offen bin für Vorschläge. Aber ich habe auch ein Gefühl dafür, was für einen Film ich machen will. Das interessante ist natürlich, dass er dreimal so alt ist wie ich, ebenso wie seine Film-Figur. Er konnte mir oft wertvolle Hinweise geben, um seine Figur abzurunden und realistischer zu machen. Ich weiß nicht, ob das einfach mit seiner Arbeitsweise als Schauspieler zu tun hat oder damit, dass er auch Regisseur ist. Jedes Mal, wenn wir miteinander gesprochen haben und wenn er mit mir reden wollte, fand ich das toll, weil ich dadurch noch besser gearbeitet habe. Es bringt einen dazu, mehr darüber nachzudenken, was man machen will. Seine Beteiligung war auch unschätzbar wertvoll, denn so sehr ich in den Kopf eines 75-jährigen kriechen möchte, er ist in diesem Alter und weiß daher sehr viel mehr darüber. Es wäre dumm von mir, nicht auf ihn zu hören. Wir diskutieren also viel und das betrifft Schauspieler und andere Crew-Mitglieder, die auch Regie führen. Film ist eine kollaborative Arbeit.

Was schauen Sie persönlich denn gerne für Filme und sind das immer welche, die Sie auch selbst gerne machen würden oder schauen Sie sich auch gerne mal Genres an, in denen Sie keine Filme drehen wollen?
Das einzige Genre, was ich schwierig zu schauen finde, ist Horror. Aber abgesehen davon schaue ich mir alle möglichen Filme gerne an und es ist zu früh zu sagen, was für Filme ich gerne machen möchte. Ich habe gerade erst mein Leben als Filmemacher angefangen und ich hätte Lust viele unterschiedliche Filme zu machen. Ich weiß aber noch nicht, was ich in fünf Jahren machen will. Es hängt davon ab, in welcher Stimmung man gerade ist und was einen beschäftigt. Es könnte eine Komödie sein oder eine Romanze – es gibt so viele Möglichkeiten! Ich kann jede Sorte Film genießen, denn ich glaube, dass sie alle unterschiedliche Bedürfnisse bedienen. Man kann eine Komödie über die Schule gucken und dann erinnert man sich an die eigene Schulzeit, wenn man mit seinen Freunden rumgehangen und Mist gebaut hat. Es kann da extreme Unterschiede geben. Ich habe an einem Jurassic Park genau so viel Spaß wie an Toni Erdmann.

Das ist eigentlich sogar eine Stärke des indischen Kinos. Es muss ja nicht gleich ein Masala-Mix sein, aber fällt der Genre-Mix indischen Filmemachern teils leichter? In MUKTE BHAWAN scheint das ja auch der Fall zu sein, dass es sehr ernste und komische Momente gibt.
Ja, ich denke, das indische Kino ist bekannt dafür. MUKTI BHAWAN ist jetzt nicht so extrem in der Hinsicht wie Masala-Filme. Da hat man Drama, Action, Comedy und Romantik, alles in einem Film. Einer großen Menge an Zuschauern gefällt so etwas. Indien ist im Moment ein toller Ort für junge Regisseure, um Filme zu machen. Es entwickelt sich alles schnell weiter. Vor 15 Jahren gab es noch keine große Bandbreite, heute gibt es eine große Vielfalt an Stilrichtungen und Genres. Das ist ziemlich cool und ich hoffe, dass es so weitergeht.